Mittwoch, 21. Oktober 2015

Gut und Böse, schwarz und weiß?

"Mama, Polizisten haben doch eine Pistole, oder?"

... so begann gestern die Rückfahrt von der Kita mit meinem vierjährigen Sohn. Es folgte ein Evergreen der Pädagogik, eine Diskussion, die sicherlich alle Eltern kennen oder zumindest im Laufe des Kleinkindalters ihrer Sprösslinge führen müssen. Die Frage nach den "bösen Menschen", nach Waffen, Verteidigung oder Angriff.

Ich bin grundsätzlich eher der Meinung, dass bestimmte Dinge früh genug in das Leben meiner Kinder treten. Ich muss sie im Kleinkindalter nicht über den Inhalt der Tagesschau aufklären, ihnen nicht nahe bringen, wieso in manchen Ländern Krieg herrscht oder darüber informieren, welches Elend in anderen Teilen der Welt auch für Kinder schon täglich Realität ist. Das mag ein "In-Watte-Packen" sein, aber da ist mein Beschützerinstinkt voherrschend.

Symbolisches "In-Watte-gepackt-sein" und "wie-auf-Wolken-gehen"



Gleichwohl bin ich der Meinung, dass man bestimmte Dinge - ob auf Nachfrage oder ganz grundsätzlich als Teil der Erziehung und der Vorbereitung auf das Leben -  mit den Kindern besprechen kann. So zum Beispiel die Frage, ob es in Ordnung ist, Spielzeuge als Waffen umzufunktionieren oder tatsächlich mit einer Plastikpistole zu spielen. Oder das klassische Angstempfinden von drei- oder vierjährigen Kindern vor "Räubern unter dem Bett" oder "bösen Menschen".

Die Frage nach dem Spiel mit Waffen, haben wir sehr früh, sehr strikt geregelt. Es wird absolut nicht mit Schusswaffen jeglicher Art gespielt - ob es die Finger sind, die als Pistole herhalten müssen, oder ein Stock, mit dem als Gewehrattrappe auf Dinge oder Menschen gezielt wird. Das ist für mich ein absolutes Tabu. Ich weiß durchaus, dass das viele (Eltern) anders sehen, aber ich möchte einfach nicht, dass die Handhabung von Schusswaffen - wenn auch nur im Spiel - für meine Kinder "normal" ist. Ginge es ausschließlich nach mir, so würde diese rigorose Regel auch bei Schwertern und anderen Dingen greifen. Allerdings ist mein Mann hier der Meinung, dass das klassische Ritter spielen oder das freundschaftliche Kämpfen zur Kindheit dazugehört. Das kann ich nachvollziehen und somit entstand unsere persönliche Regel über den Umgang mit Waffen im Spiel: Schusswaffen nein, andere Dinge wie Schwerter sind in Ordnung, solange damit niemandem wirklich weh getan wird.
Als mein Sohn nun nach der Kita ins Auto einstieg und mich fragte, warum denn Polizisten eine Pistole haben dürfen, geriet ich ganz schön ins Schlingern. Wie erkläre ich ihm die Notwendigkeit der Verteidigungs- und Notwehrmöglichkeit für Polizisten, die für ihn aber nicht gilt? Und vor allen Dingen: wie umgehe ich die bei der Erklärung die Tatsache, dass es auch hier bei uns Menschen gibt, die Böses im Sinn haben? Unser Dialog verlief dann in etwa so:
  • "Mama, Polizisten haben doch eine Pistole, oder?"
  • "Ja, das stimmt."
  • "Warum dürfen die eine Pistole haben?"
  • "... weißt du, die Aufgabe der Polizei ist es ja, darauf aufzupassen, dass alle Menschen sicher sind" 
  • "Und warum brauchen die dann eine Pistole?"
  • "...[stotter, würg, Luftnot]... weil es manche Menschen gibt, die böse Dinge machen"
  • "...[Einwurf]... und die schießen die Polizisten dann tot?"
  • "NEIN! Also, das machen die wirklich nur, wenn sie selbst schon in Gefahr sind [sagte ich, und dachte sofort, dass die Formulierung wohl nicht gänzlich kindgerecht ist]. Also, wenn ein anderer Mensch den Polizisten etwas tun will, dann haben die ihre Pistole dabei..."
  • "...[Einwurf] und dann schießen die den tot?"
  • "NEIN! Wie gesagt, dass machen die fast nie. Aber wenn ein Mensch etwas Böses tun will und er dann sieht, dass ein Polizist kommt, der eine Pistole dabei hat, dann hat er vielleicht Angst davor und macht das Böse nicht mehr..:"
  • "...[laute Denkgeräusche] Meinst du?"
  • "Ich glaube schon. Also, ich hätte vor der Pistole Angst."
  • "Hat der Böse auch vor der Pistole Angst?"
  • "Bestimmt."
  • "Oder der hat vor den Handschellen Angst..."
Die gesamte Zeit über hatte ich das Gefühl auf einem Balken zu balancieren. Linke Hand das "Watte-Land", rechte Hand der Realitätsschock für mein gar nicht mehr so kleines Kind.
Für ihn ist die Welt noch schwarz und weiß, gut und böse. Dass das Böse auch in seinem Leben einen Platz hat, macht mir ein ungutes Gefühl. Die Löwenmama in mir wird wach. Gleichzeitig weiß ich, dass er diesen Kontrast auch braucht um irgenwann die Grautöne dazwischen aushandeln zu können. Er muss wissen, was gut und was schlecht ist, um seine eigene Vorstellung von Moral und Ethik zu entwickeln. Um sein eigenes Handeln und das Handeln seiner Eltern beurteilen zu können und sein eigenes kleines Wertesystem aufzubauen. Es vereinfacht es ihm ja auch, Dinge, Menschen und Handlungen zu beurteilen. A oder B, gut oder schlecht - das lässt ihm zu Zeit zwei noch zwei Kategorien, nach denen er entscheiden muss. Keine Unschlüssigkeiten, keine Verhandlung im Kopf. So wie jemand entweder sein Freund ist oder nicht (und viele Eltern kennen es sicherlich  - das kann sich von Montag auf Dienstag grundlegend ändern, insbesondere wenn ihn jemand mal nicht mitspielen lässt oder er ganz einfach entscheidet, das XY jetzt nicht mehr sein Freund ist.... ;-)), ist jemand auch gut oder böse.
Und trotzdem schreit es in mir, weil ich am liebsten die dunklen Kontraste von ihm fernhalten möchte. Das ist utopisch, das ist mir klar. Aber irgendein Instinkt wehrt sich noch gegen diese Einsicht.

Am Abend hat er übrigens die ganze Angelegenheit mit einem Satz erledigt:
"Weißt du Mama, die Polizisten dürfen die Pistole haben. Denn wenn einer böse ist, dann kommt die Polizei, zeigt ihm die Pistole und dann läuft er weg und macht nichts Schlimmes mehr."

Bäm.

Und mit der gesamten Bandbreite der Realität, fangen wir noch früh genug an. 

Kommentare:

  1. Ein süßer Austausch zu schwierigen Gedanken.
    Hach, ich hoffe uns bleibt das noch eine ganze Weile erspart. Inwieweit wir dann erklären, werden wir wohl mal überlegen müssen.

    Liebe Grüße
    Nicole

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    1. Ich glaube, dass ist das Wichtigste: sich Gedanken zu machen und nichts gedankenlos daher zu reden. Aber das kommt dann sicherlich bei euch noch.
      Alles Liebe!

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