Donnerstag, 27. August 2015

#BloggerFuerFluechtlinge: Ohne Titel, weil ohne Worte

Hamid ist zweiundreißig Jahre alt. Seine Frau Mina und er haben drei wundervolle Töchter, die jüngste ist 1,5 Jahre alt und fängt gerade an zu sprechen, die älteste ist vierzehn Jahre alt. Sie haben gerade ein Haus gebaut, im Garten wollen sie einen Gemüsegarten anlegen.

Es ist ein heißer Sommermorgen, als Mina mit der achtjährigen, mittleren Tochter aus dem Haus geht um sie zur Schule zu bringen. Ihre Älteste rennt zurück ins Haus, hat etwas vergessen. Als sie sich gerade wieder zum Gehen wendet, fallen Schüsse. Erst zwei einzelne, dann knallt es mehrere Male schnell hintereinander. Sie errstarrt, ihr Blick wandert durch den Wohnbereich auf der Suche nach ihrem Vater und ihrer ganz kleinen Schwester. Sie traut sich nicht mehr aus der Tür, zittert. Ihr Vater erscheint in der Küchentür, die schreiende kleine Schwester auf dem Arm. Er schreit. Sie krabbeln unter den Küchentisch.
Die Schüsse verhallen. Stille. Ihr Vater fragt mit bebender Stimme, wo ihre Mutter und die dritte Tochter seien. Sie kann nicht antworten, findet ihre Stimme nicht. Sie ist starr vor Angst. Ihr Vater setzt das Baby auf den Boden und krabbelt unter dem Tisch hervor. Als er die Straße erreicht, hört sie nur noch einen gellenden Schrei. Ihre Mutter und ihre Schwester sind erschossen worden. Sie sind tot und liegen auf der staubigen Straße, neben Nachbarn und Passanten.

Nach Wochen der Angst, der Ungewissheit, nach Wochen des Leids und des Peins hat es sie getroffen. Sie sind Opfer des furchtbaren Krieges geworden, der nicht ihrer ist, dem sie jedoch ausgeliefert sind.

Hamid beschließt die Flucht. Er muss seine nunmehr zwei Töchter in Sicherheit bringen. Alles, was er hat, versucht er nun zu Geld zu machen. Er hat nicht viel, alles was sie besaßen, steckt in ihrem Haus. Verzweifelt hangelt er sich zwischen dem Beschützen seiner Töchter und der Suche nach einem Fluchtweg hindurch. Die Tage schleichen dahin, voller Angst und Verzweiflung.

Dann endlich hat er genug zusammen um sich und seine Töchter auf eines der Boote zu bekommen, die sie nach Europa bringen sollen. Die Leute erzählen sich, dass die bereits einige Boote in Seenot geraten und gesunken sind. Er muss dieses Risiko in Kauf nehmen...
Die Männer, die das Boot in eine bessere Zeit, in ein besseres Leben bringen sollen, ferchen immer mehr Menschen auf das kleine Holzschiff. Es ist unendlich eng, es stinkt, die Leute weinen und schreien. Einige müssen sich bereits nach wenigen hundert Metern übergeben. Ihm ist unendlich übel, aber die Hoffnung trägt ihn. Die Hoffnung, auf eine bessere Zukunft.

Er verliert sein Zeitgefühl, weiß nicht, wie lange sie schon unterwegs sind, als einige Mitreisenden munkeln, dass es nun nicht mehr weit sein kann. Seine kleinste Tochter ist hungrig und durstig. Sie weint und schreit, er versucht sie zu beruhigen. Sie hört nicht auf zu weinen. Der Schlepper brüllt ihn an, sie solle sofort aufhören. Sie würde noch dafür sorgen, dass sie alle entdeckt werden. Er muss nun selbst weinen, weiß nicht, was er tun soll. Der Schlepper kämpft sich durch die Menge, entreißt ihm das Kleinkind und wirft es über Bord. Die Frauen und Männer um ihn herum schreien. Er will hinter ihr her springen, sie retten. Seine große Tochter hält ihn am Arm, bebend bittet sie ihn bei ihr zu bleiben. Sie haben nun nur noch sich. Sie sind die, die überlebt haben. Nun müssen sie nur noch das rettende, europäische Ufer erreichen.

Irgendwann schläft er ein, seine große Tochter im Arm. Als er erwacht, dämmert es bereits. Er sieht Land. Die Schlepper haben das Boot verlassen. Wie, weiß er nicht. Er ist vollkommen erschöpft, doch er spürt es kaum mehr. Zu groß ist die Trauer, zu groß ist die Hoffnung nun endlich in Sicherheit zu sein. Sie sind in Italien, in Europa. Sie haben es geschafft... Seine große Tochter blickt in die Ferne. In ihren Augen sieht er das Martyrium, dass sie durchlitten haben. Doch jetzt wird alles gut!


Drei Wochen sind seit ihrem Landgang vergangen. Sie wohnen nun in der Turnhalle eines Gymnasiums, irgendwo in Deutschland. Mit ihnen hunderte andere Menschen, die ähnliches erlebt haben wie er und seine Tochter. Seit zwei Tagen haben sie jeder eine Zahnbürste, gestern konnte er duschen. Er liegt auf seiner Matratze, seine Tochter neben ihm.

Gestern erzählte ihm jemand, dass die es einen Anschlag auf eine andere Unterkunft gegeben hat. Rechtsradikale Deutsche haben ihrem Hass freien Lauf gelassen. "Die sagen, wir nutzen ihre Sozialleistungen aus." Er weiß nicht, was er dazu sagen soll.



Liebe Leute,

diese Geschichte zusammengewürfelt aus unterschiedlichen Schicksalen, die mir in letzter Zeit zu Ohren gekommen sind. Sie ist fiktiv, aber sie hätte genau so passieren können.

Stellt euch vor, in 10, 20, oder 40 Jahre sitzen unsere Kinder oder Enkel im Geschichtsunterricht und lernen von den Flüchtlingswellen unserer Zeit, von den globalen Problemen und der "neuen Völkerwanderung". Schindlers Liste und Sophie Scholl gibt es als Remakes, sie heißen jetzt "Schweigers Liste" und "Lieschen Meier", zeigen aber in gleicher Bildgewalt, wie einzelne Menschen sich aufgemacht haben, zu helfen. Joko und Claas sind in der Zwischenzeit zu deutschen Fernsehikonen geworden. Und ihr? Was habt ihr gemacht? Stellt euch vor, eure Kinder und Enkel stellen, die Frage, die so viele von uns selbst einmal gestellt haben: Warum habt ihr nichts getan?

Er mag radikal klingen, dieser Vergleich. Aber den offenkundig Leidenden in unserer Mitte nicht zu helfen, diesen Fehler haben schon andere vor uns gemacht.

Also ihr Lieben, werdet aktiv! Wie? Folgendermaßen:

1) Spendet Geld! Es gibt so viele tolle Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, zu helfen. So zum Beispiel die Gruppe BloggerFürFlüchtlinge. Unter diesem Link, könnt ihr spenden. Ihr seht auch genau, an welche Aktionen genau gespendet wird.

2) Spendet Dinge! Informiert euch bei den lokalen Institutionen, was gebraucht wird. Jeder von uns hat etwas, das er nicht mehr benötigt. Das kann für andere der Grundstein, für eine neue Existenz sein!

3) Spendet Zeit und Manpower! Persönliches Engagement wird überall händeringend gesucht. Wenn ihr Zeit und Herzblut habt, dann packt mit an!

4) Spendet Euer Herz! Das, was wirklich, wirklich JEDER von uns tun kann, ist ein offenes Herz und eines unvoreingenommene Haltung zu bewahren. Respekt vor den Menschen, die zu uns kommen und die Bereitschaft, sie willkommen zu heißen, halte ich für das Mindestmaß an Menschlichkeit. 

Zum Abschluss habe ich noch ein Video für euch, das seit Tagen auf den sozialen Netzwerken kursiert, es aber meiner Meinung nach vollkommen auf den Punkt bringt:


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