Sonntag, 19. Juli 2015

Fußball für Männer, Puppen für Mädchen ... und andere Idiotien


Letzte Woche war ich mit meinem Großen bei der U8.
(Für alle Nicht-Eltern: in Deutschland haben alle Kinder ab dem Moment der Geburt in regelmäßigen Abständen Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt. Die U8 in diesem Fall findet mit 4 Jahren statt.)

Was eigentlich eine reine Routine-Untersuchung ist, entwickelte sich für mich zum absoluten Aufreger und zum sprichwörtlichen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Aber von vorne:

Der erste Teil der Untersuchung zielte auf die Artikulation und die allgemeine sprachliche Entwicklung. Der Kurze musste verschiedene Bilder benennen, die so gewählt waren, dass dabei immer kritische Laute überprüft wurden. Und so nahm das Drama seinen Lauf. Fionn sprach alle gewünschten Worte so aus, wie von der Artzhelferin gewünscht. Beim "P" benannte er das Bild mit einer Puppe dann jedoch mit "kleiner Mädchen-Mensch", woraufhin die Assistentin noch einmal nachhakte: "Nee, das soll ein Spielzeug sein. Damit spielen die Mädchen immer...  Die füttern die, oder ziehen die an." Ich, in der Zwischenzeit schon über-sensibilisiert für dieses Gender-Thema, sage ihm zur Hilfe: "Du hast das auch. Zum Geburtstag hast du dafür ein Haus geschenkt bekommen." Fionn daraufhin: "Achso, das ist eine Puppe."
Aber anstatt es dabei zu belassen, sagt die Arzthelferin doch ernsthaft: "Echt, mit sowas spielst du?"



Das Wohnzimmer von Fionns Puppenhaus  - heiß geliebt!!!

Mir blieb da echt die Spucke weg. Schlimm genug, dass sie so denkt, aber ihre gesellschaftlichen Ansichten auch noch meinem Kind nahebringen?
Im Laufe der Untersuchung folgten dann noch so wunderbare Sätze wie: "Spielst du Fußball? Wie, du kannst nicht fester schießen? Bist du kein richtiger Mann?" oder "Viellicht nimmst du nicht unbedingt den pinken Luftballon, der ist ja nur was für Mädchen."

Ich höre schon die Stimmen: Reg dich doch nicht so auf. Was hast du denn? Mein Gott, soll sie doch sowas sagen... Aber so einfach ist das nicht!

Wenn Kinder auf die Welt kommen, ist es aus pädagogischer Sicht eigentlich sehr lange völlig egal, ob sie Jungen oder Mädchen sind. Und doch wird direkt differenziert. Und zwar nicht nur ihrem Gemüt entsprechend, sondern ihrem Geschlecht. Angefangen bei den Farben, die die Kinder tragen, über das Spielzeug das wir ihnen anbieten, mündend in den ganzen banal erscheinenden Sprüchen, die die Kinder mit voranschreitendem Alter fast täglich zu hören bekommen. Die Anekdote vom Kinderarzt ist da nur die Spitze des Eisbergs. Wir hatten es einmal gewagt unserem Mini aufgrund mangelnder Alternativen eine Packung mit einem gelben und einem pinken Schnuller zu kaufen. Viele Passanten oder Bekannte, die das Kind noch nicht gesehen hatten, schlussfolgerten daraufhin, dass er ein Mädchen sei. Das an sich folgt ja noch einer gewissen Erfahrungslogik. Aber wie oft wir daraufhin ernsthaft gefragt wurden, warum er denn dann diesen Schnuller hat - und zwar nicht interessiert, sondern entsetzt!!!

Was tun wir den Kindern damit an?  

Fionn liebt alles, was rot ist und alles, was glitztert. Und er ist damit unter seinen KiTa-Kumpels nicht allein gewesen. Was würde ich also nun damit bewirken, wenn ich ihm beibrächte, dass das eine "Mädchen-Farbe" ist, und dass Glitzer nur etwas für Mädchen ist?
Er spielt auch gerne mit Puppen. Was würde ich ihm vermitteln, wenn ich es ihm wegnehmen oder vorenthalten würde? Was würde er fühlen, wenn ich mich darüber belustigen würde?
Er braucht unheimlich viel Nähe, liebt "Bibi Blocksberg" und "Lauras Stern", er backt und tanzt für sein Leben gern. Eine Zeit lang hat er sich gern die Finger lackiert.

Das alles hätte ich nicht herausgefunden, wenn wir ihm nicht von Anfang an jegliche Freiheit in seiner Entwicklung gelassen hätten. Und doch mehren sich diejenigen Kommentare, die ich für viel fataler halte, als sie im ersten Moment erscheinen. Denn eine abfällige Bemerkung über das Verhalten oder die Vorlieben des Kindes, hinterlassen dort ein ungutes Gefühl, auch wenn die Kinder längst noch nicht in der Lage sind, diese Gefühle zu interpretieren und zu kanalisieren. Und das mündet dann häufig in einem unbestimmten Gefühl von "was ich mache, ist nicht richtig" oder aber - noch schlimmer - ich bin nicht richtig!
Natürlich leben wir nicht in einer Blase und können alle äußeren Einflüsse fern halten. Spätestens wenn die institutionalisierte Betreuung in der Krippe, im Kindergarten und in der Schule beginnt, kann man sich als Eltern nicht mehr gegen Fremdeinflüsse wehren. Das ist ja auch gut so. Wir können unseren Kindern nicht all das als Input zukommen lassen, was Erzieher, Lehrer und andere Kinder können. Aber auch hier stellt sich aus eigener Erfahrung häufig die Frage: wie gehe ich mit dem um, was meinem Kind dort entgegenschlägt? 

Wir sollten unsere Kinder in ihrer Individualität stärken!

Kinder sind nicht nur Jungen und nicht nur Mädchen. Sie sind Menschen. Kleine Menschen die versuchen "richtig" und "falsch" zu lernen, die ihre Interessen gerade selbst erst kennenlernen. Unsere Aufgabe ist es ihnen den geschützten Raum zu geben, in dem sie sich frei entfalten können. Mit all dem meine ich nicht, dass sie ohne Regeln groß werden sollen. Ganz im Gegenteil! Aber diese Regeln sollten nicht von ihrem Geschlecht, sondern von unseren ethischen Grundsätzen als Eltern bestimmt werden!

Always hat eine wunderbare Aktion ins Leben gerufen. Unter dem Hashtag #LikeAGirl gehen sie gegen die Verhaltengrenzen und -vorschriften vor, die unsere Gesellschaft Mädchen und jungen Frauen aufzuerlegen versucht. "Die wirft ja wie ein Mädchen." Ein so, so häufig gehörter Satz meiner Kindheit. Aber was bedeutet er? Überspitzt bedeutet das Urteil "wie ein Mädchen", dass man nicht richtig werfen kann. Nicht richtig schießt, nicht richtig kämpft, ... Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Ernsthaft? Das ist das, was man in Kauf nimmt den kleine Mädels zu vermitteln?



Wenn jemand nicht gut werfen kann, dann ist das so. Aber jemand damit zu beleidigen, dass er etwas "wie ein Mädchen tut", ist doch wirklich furchtbar.

Lasst die Kinder Kinder sein, und nicht nur ein Geschlecht!

Lasst uns darauf achten, dass gedankenlose Äußerungen über männliche oder weibliche Verhaltenweisen, bewusst werden - uns und anderen!

Lasst den Kindern ihre Individualität!

Und vor allem: hört auf den Kindern einzureden, was sie als Junge oder Mädchen alles nicht zu tun haben oder was sie angeblich nicht können!

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Schreibt darüber!!!  Unter dem Titel "Freie Kinder" rufe ich zu einer kleinen Blogparade auf!! Was wünscht ihr euch für eure Kinder? Was sind eure Erlebnisse? Wie geht ihr damit im Alltag um? Oder seht ihr das vielleicht ganz anders?

Ich freue mich auf Eure Texte!

Kommentare:

  1. Liebe Kimmi, vielen Dank für deinen tollen Post! Du hast mich damit gleich zum Mitmachen inspiriert! Meine Finger glühen noch ;o) http://quirlimum.blogspot.de/2015/07/gender-toleranz-und-liebe.html
    LIbene Gruß, Sandy

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  2. Liebe Sandy, vielen lieben Dank für deinen tollen Text! Ich hab ihn sehr gern gelesen und auch einige Denkanstöße mitgenommen ;-)

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