Dienstag, 9. Juni 2015

Großes Kind, kleine Seele


Vor zwei Monaten sind wir mit der gesamten Familie zurück in die alte Heimat gezogen. In meine alte Heimat. Das haben wir Eltern gemeinsam entschieden. Aber wir sind nicht zu zweit umgezogen, sondern zu viert. Während das Baby immer dort zuhause ist, wo Mama und Papa sind, musste der Große richtig umziehen. Er musste seine Heimat zurück lassen. All das, was er seit drei Jahren kannte, sein Zuhause. 

Seine Freunde, seine KiTa, seine Turngruppe. Sein Zimmer, seinen Garten, seine Straße. All das, was er kannte und liebte. 

Bis zu diesem Zeitpunkt war das alles für ihn so selbstverständlich. Es war einfach da und er wäre nicht auf die Idee gekommen, diese Dinge in Frage zu stellen oder gar zu hinterfragen. 

Zunächst war das alles unheimlich aufregend für ihn. Ein Abenteuer, dass er gemeinsam mit uns, seiner Mama und seinem Papa, unternommen hat. Er war unheimlich stolz, dass er uns beim "Einräumen des alten Lebens" helfen konnte. Kleine Kisten und Gegenstände in den Umzugswagen packen, Dinge aussortieren und immer wieder bekräftigen, wie toll er das findet. 
"Ich feier morgen Abschied in der KiTa, " verkündete er mir stolz. Im Vordergrund stand die Feier, nicht der Abschied. Er konnte für seine Freunde Kuchen und Obstsalat mitbringen und bekam im Gegenzug ein Geschenk von seiner Gruppe. Er hat diesen Tag, die Aufmerksamkeit und die Aufregung unheimlich genossen und kam ganz beseelt nach Hause und freute sich auf den Aufbruch!


Er kam freudig im Ruhrgebiet an - der Neuanfang war für ihn vor allem mit der räumlichen Nähe zu seinem geliebten Großvater gekoppelt. Gleichzeitig ging der Papa in Elternzeit: Wahnsinn! Den ganzen Tag mit Papa und dem kleinen Bruder verbringen. Spielen, Toben, Basteln, gemeinsam Kochen und Backen - all das, was er sonst nur am Wochenende gemeinsam mit uns allen oder seinem Papa unternehmen konnte, sollte nun an jedem Tag möglich sein. Herrlich! Doch die Anfangseuphorie ist langsam im Alltag angekommen.

Natürlich kann ein Dreijähriger nicht überblicken, was ein Umzug bedeutet. Abschied. Das Aufgeben von Vertrautem, Neuanfang... Unsicherheit. 

Denn heute sagte er zum ersten Mal, dass er wieder zurück möchte... Langsam ist es bei ihm angekommen, dass der Umzug kein Urlaub, sondern ein Umzug ist. Dass wir nun hier bleiben und dass er nicht einfach so, wann er es möchte, zurück zu seiner Freundin E. kann. Er vermisst sie sehr und mir als Mutter, bricht es das Herz. Ich möchte ihn sofort (ein-)packen und mich auf den Weg zurück machen. Mit dem Laufrad zum alten Bäcker und dann die Tiere auf den Weiden besuchen, was wir so häufig gemacht haben. Bei seiner Freundin einkehren, den Streit um die Verteilung der Salzstangen schlichten und mich von beiden breitschlagen lassen, dass nach zwei Folgen Sandmännchen ganz dringend noch eine dritte angesehen werden muss. Aber so sehr ich ihm auch alles geben möchte, was ihn glücklich macht: dieses Mal kann ich die kleine Seele nur streicheln, aber für den Moment kann ich nicht alles wieder in Ordnung bringen.

Mein kleiner Dreijähriger liegt neben mir im Bett und sagt, dass er E. vermisst und dass er zurück in seine alte KiTa möchte. "Mama, ich gewöhn´ mich auch nicht daran. Ich will zurück zu unserem alten Zuhause."
In diesen Momenten zeigt sich mir mein schon so großes Kind mit seiner kleinen, zarten Seele. Dieses kleine Herz, dass unheimlich mit der neuen Situation zu kämpfen hat. Diese Seele, die verzweifelt versucht das neue Leben einzuordnen und so häufig scheitert, weil sie einfach so viele Dinge nicht versteht. 

Es ist die erste richtige Prüfung, die mein kleines, großes Kind bestreiten muss. Die erste große Herausforderung, die ich nicht für ihn absolvieren kann. Es ist schwer für ihn, sich neu zurecht zu finden, sich zu orientieren und Sicherheit in der Fremde zu erlangen. 
Wir begleiten ihn so gut es geht, doch das letzte Stück muss er allein schaffen. 

Ich hoffe, dass er in 10 oder 15 Jahren zurückblicken kann und uns dankbar für unsere Entscheidung ist. Weil er einen tollen Freundeskreis, einen super Sportverein, vielleicht eine süße Freundin hat. Weil er sein Zuhause liebt, sich sicher und geborgen fühlt und auf eine glückliche Kindheit zurückblicken kann.




Kommentare:

  1. Oh ist das schön geschrieben <3 Hatte Pipi in den Augen beim Lesen. Heim-/Fernweh begleitet unseren Alltag und meine Tochter fängt so langsam an dies auch zu realisieren. Die Mäuse stecken es auf ihre Art ganz gut weg... Bald wird er im Pott seinen Rhythmus gefunden haben :-)

    Liebe Grüße, Sarah

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    1. Liebe Sarah, vielen lieben Dank für deine Worte. Kinder sind da wirklich bewundernswert in ihrem Umgang mit solchen Herausforderungen. Und ich denke, sie können ja auch daran wachsen ... Wir grooven uns schon ein ;-)

      Liebe Grüße

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  2. Hallo,
    das hast du wirklich schön geschrieben. Für die kleinen Kinder ist es wirklich schwierig, aber ich denk auch, dass es im Kindergartenalter noch einfacher ist, als im Alter von 12-18 Jahren.

    Wir haben oft überlegt umzuziehen, da die Preise für Häuser in anderen Städten viel niedriger sind.

    Jetzt bleiben wir vorerst hier, aber vielleicht ergibt sich in der Zukunft etwas.

    Ich hoffe sehr, dass er schnell an seine neue Heimat gewöhnt und schnell neue Freude findet.

    Ganz liebe Grüße, Geli

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    1. Liebe Geli,
      ja, da hast du Recht. Je größer die Kinder werden, desto schwieriger wird es für sie.
      Wir haben ja auch lange mit uns gerungen, bevor wir umgezogen sind- und bereuen es nicht! Vielleicht kommt bei euch ja noch der richtige Moment...

      Ganz liebe Grüße!!

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